1. Mai 2016 - Bayerischer Wald Verein Sektion Lam e.V.

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1. Mai 2016

Das war!

Der Herzschlag eines Baumes
Bericht von Maria Frisch, Lohberg

„Bayern Tour Natur 2016" ließ in das Innere eines Baumes hineinhorchen

Ein Baum, was ist das schon! Ein Stamm, Rinde, Äste .... oder doch viel mehr? Dieser Frage ging die diesjährige „Bayern Tour Natur" auf den Osser nach. Die rund 30 Teilnehmer horchten in das Innere eines Baumes hinein – ein Versuch, der im Frühjahr beim Ausschlagen am besten gelingt - und fanden interessante wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigt, die eigentlich schon seit über 40 Jahren bekannt sind, jedoch kaum Beachtung finden. Ausrichter der Tour war der Bayerische Wald-Verein, Sektion Lam. Als versierter Wanderführer betätigte sich Franz Reuel.
Um 11 Uhr herrschte Aufbruchstimmung am Wanderparkplatz Sattel, die der musikalische Empfang noch mehr anstachelte. Franz Reuel hatte die beabsichtigte Route zum Böhmsteig Richtung Weißer Riegel auf gut begehbaren Pfaden bei gemäßigtem Gehtempo in fünf Stationen eingeteilt. Bei der Begrüßung erläuterte der Naturliebhaber den Streckenverlauf auf historischen Wegen (teils auf alten Schmugglerpfaden zwischen Böhmen und Bayern). Der erste Haltepunkt an der Abzweigung Böhmsteig beschäftigte sich damit, wie das Wasser zu den Blättern gelangt. „Pflanzen sind von den Wurzeln bis hin zu den Blättern mit einem durchgehenden Gefäßsystem versehen, das für den Wassertransport zuständig ist", erklärte Reuel. In vielen Blättern sind diese Gefäße zum Beispiel als Blattadern sichtbar. Sie sind so eng, dass das Wasser darin aufgrund seiner Oberflächenspannung – entgegen der Schwerkraft - nach oben gezogen wird. Dieses Verhalten wird auch als Kapillareffekt bezeichnet. Treibende Kraft dieser Form des Wassertransports ist die so genannte Transpiration: die Blätter verdunsten über ihre Oberfläche Wasser. Dieses Wasser fehlt in der Pflanze; es wird unterstützt durch den Kapillareffekt nachgesaugt. Dazu benötigt die Pflanze keine Energie. Auf diese Weise können selbst die höchsten Bäume der Welt, die bis zu 120 Meter hoch sind, mit Wasser versorgt werden.
Dr. Vogl aus Arrach hatte dem Wald-Verein dankenswerterweise fünf Stetoskope zur Verfügung gestellt, um den Herzschlag eines Baumes auf den Grund zu gehen. „Dies ist nichts anderes als die Kapillarkraft oder der Saftstrom eines Baumes", machte Reuel bewusst. Allerdings klappte es nicht an jedem Baum. Der Grund? „Die Vegetation in den Höhenlagen ist noch nicht so weit fortgeschritten. Einige Tage zuvor hat es hier noch geschneit und es war entsprechend kalt." Dadurch war noch sehr wenig Saft im Baum und wenig Laub in der Krone. Bei Stämmen, die durch ihren Standort mehr Licht abbekommen hatten und somit ihren Nachbarn etwas voraus hatten, glückte der Versuch. Da nicht alle gleichzeitig bei ihrem ausgewählten Favoriten den Herzschlag fühlen konnten, erklärte Franz Reuel noch ein anderes Phänomen, nämlich, dass es kalte und warme Bäume gibt. Zur Demonstration legten die Beteiligten die Handoberfläche zunächst auf eine Buche und dann auf eine Fichte. Das Ergebnis: Die Buche fühlte sich kälter an, weil die gesamte Handfläche auflag. Bei der Fichte dämmte die ruppige Oberfläche.
An der zweiten Station am Beginn der Forststraße stellte Reuel die Behauptung auf, dass eine Handvoll Waldboden mehr Lebewesen beherbergt, als Menschen auf der Erde existieren. „Das ist eine wissenschaftlich fundierte Feststellung - keine Annahme oder Hypothese", unterstrich Reuel.
Genauso erstaunlich: Auch Bäume können sprechen. Dazu äußert sich Peter Wohlleben in seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume", aus dem der Wanderführer einige Passagen zusammenfasste. Wie muss man sich die Kommunikation vorstellen? Entgegen der Verständigung der Menschen geschieht sie nicht mit Schallwellen, sondern mit Duftbotschaften oder elektrisch über den Boden. Hier funktioniert die Versorgung mit Informationen über das Wurzelgeflecht bzw. Pilzleitungen. „Dieses World-Wide-Web stellen tatsächlich die Pilze her. Auf einen Teelöffel Walderde kommen mehrere Kilometer Pilzleitungen, die Signale elektrisch weiterleiten an andere Bäume. Das kann man unter dem Mikroskop noch nachweisen", so der Forstwissenschaftler in seinem Buch über die hochkomplexe Angelegenheit, die man dem Wald gar nicht so zutraut. Haben Bäume tatsächlich ein Sozialverhalten? Das bejaht der Autor. „Wenn ein junger Baum unter seiner Mutter steht, wird er durch Wurzelverwachsungen regelrecht gestillt, das heisst mit Zuckerlösung ernährt, weil am Waldboden nur wenig Sonnenlicht ankommt." Das sei ein hochsoziale Angelegenheit. Die Universität Bonn forsche an diesem Phänomen, auch warum Bäume beispielsweise einen seit Jahrhunderten abgestorbenen Stumpf weiter mit Nahrung versorgen. „Bäume betrachten ihresgleichen nicht als Konkurrenz, sondern als Kameraden. Jeder Baum schwächelt mal oder wird krank. Nächstes Jahr ist es möglicherweise umgekehrt und der wieder Erstarkte kann nun dem Schwächeren helfen", berichtet Peter Wohlleben in seinem Werk. Bäume haben Erinnerungen, möglicherweise in den Wurzeln. Noch rein spekulativ ist, dass in dem alten Stumpf Infos gespeichert sind, die für die anderen wichtig sind, beispielsweise über Trockenperioden oder ähnliche Dinge. Bäume können auch die Fressfeinde ihrer Feinde mit Duftnoten anlocken. Bäume haben wie jedes Lebewesen ein Schmerzempfinden. Von daher plädierte der Forstwissenschaftler dafür, mit Bäumen sehr viel sorgfältiger umzugehen. Irgendwie hängt im Wald alles zusammen – er ist ein großes vernetztes Ökosystem. Peter Wohlleben hat auch noch eine interessante Trendwende beobachtet: Heutzutage finde Natur nur mehr in der Freizeit statt. Es ist jedoch eine Umkehr im Gange, weil sich viele Menschen nach Harmonie sehnen.
Die dritte Station war an der Kreuzung Osserstraße – Weißer Riegel-Weg angesiedelt. Dort sollten sich die Beteiligten ihrer Sinne bewusst werden. Der Wald lud dazu ein, sich all den sehr angenehmen Eindrücken uneingeschränkt zu öffnen, nachdem die Fußgänger zuvor 500 Meter bergauf unterwegs waren. Beim Verschnaufen konnte man sich dann den verschiedenen Reizen hingeben. Am Weißen Riegel informierte Reuel über die Historie der Grenze. Weiter ging es zum vermutlich dritten Ossergipfel mit Blick auf den Großen Ossergipfel. Jeder Teilnehmer erhielt dort eine Baumscheibe, verbunden mit dem kurzen Gedicht: „Ich schenke dir diesen Baum. Aber nur, wenn du ihn wachsen lässt. Auch wir sind nämlich Bäume, die in Bewegung geraten sind. Und auf diesem Weg kommen Sie zu einer verdienten Brotzeit", zeigte der Wanderführer auf das Schutzhaus, wo alle einkehrten

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